Mittwoch, 15. März 2017

Unbequeme Bücher von Jodie Picoult und David Foenkinos

Die amerikanische Autorin Jodie Picoult ("Beim Leben meiner Schwester") ist bekannt und beliebt durch ihre spannenden Romane, die meistens ungewöhnliche Gerichtsdramen behandeln. Und in gewisser Weise könnte es in "Bis ans Ende der Geschichte" (Penguin) am Ende auch um eine Verhandlung gehen. Ob es so weit kommt, sei an dieser Stelle nicht verraten. Auf vielen Erzählebenen und aus verschiedenen Sichtweisen wird eine Episode aus dem Leben einer jungen jüdischstämmigen US-amerikanischen Bäckerin namens Sage Singer erzählt. Wie man erst im Lauf der Handlung erfährt, gibt sie sich die Schuld an einem Autounfall, bei dem ihre Mutter starb und von dem sie eine entstellende Narbe im Gesicht zurück behalten hat.
In einer Trauergruppe lernt sie den über 90-jährigen Josef kennen, sie freunden sich an, und schließlich bittet er sie, ihm beim Sterben zu helfen. Es stellt sich heraus, dass er als hoher SS-Offizier in demselben KZ beschäftigt war, das Sages Großmutter Minka überlebt hat. Sage wendet sich an die Spezialabteilung des FBI, die sich um Naziverbrechen kümmert, und lernt dabei einen besonderen Mann kennen...
Nichts für schwache Nerven ist die erschütternde Geschichte der Großmutter, die dadurch endlich ans Licht kommt, so viel sei hier verraten. Ebenso gruslig ist die Erzählung über ein Menschenfresser-Monster, die Minka im KZ einem SS-Offiziert und ihren Mitgefangenen episodenweise übermittelt. Habe wirklich am Ende ein paar Tränen vergossen. Ein wichtiges Buch - gerade in der heutigen Zeit des Rechtspopulismus. Und sehr spannend noch dazu. Empfehlung!


Und auch das zweite Buch ist ungewöhnlich für den Autor. Der Franzose David Foenkinos wurde international bekannt durch seinen Liebesroman "Nathalie küsst". In "Charlotte" (Penguin) erzählt er die wahre Geschichte des kurzen Lebens der jüdischen Malerin Charlotte Salomon nach. Und das auch formal auf besondere Weise: Jeder Satz beginnt mit einer neue Zeile, das Ganze liest sich also wie ein sehr langes Gedicht. Anfangs stolpert man darüber, aber man gewöhnt sich mit der Zeit daran. Der schmale Band besticht mit einer sehr klaren poetischen Sprache, ohne Pathos wird hier ein Schicksal nachgezeichnet, das auch durch den Holocaust besiegelt wurde. Charlotte (geboren 1917) zeigt früh eine besondere Begabung für's Malen und wird trotz Restriktionen noch 1935 an der Staatsschule für Freie und Angewandte Kunst in Berlin aufgenommen.
Leicht hat sie es als kleines Mädchen schon nicht, fast alle Frauen ihrer Familie mütterlicherseits begehen Selbstmord. 1939 flüchtet sie zu ihren Großeltern nach Südfrankreich, wo sich ihre Oma aus dem Fenster stürzt. Wie im Rausch malt sie danach den Zyklus „Leben? Oder Theater?“, in dem sie ihr ganzes Leben nacherzählt und den sie 1942 einem Vertrauten übergibt. In ihrem Versteck wird sie 1943 aufgespürt, sie ist schwanger und 26 Jahre alt. 1943 wird sie in einem KZ ermordet.
Ihre Bilder sind heute im „Joods Historisch Museum“ in Amsteramm ausgestellt, wo sie David Foenkinos gesehen hat. Sie haben ihn seitdem nicht mehr los gelassen, Ergebnis ist dieser Roman. Und er macht richtig Lust, sich mit dem Leben der fast vergessenen Malerin zu beschäftigen und ihre Bilder anzuschauen. Bei der nächsten Reise nach Amsterdam werde ich das sicher machen. Schrecklich und wunderbar zugleich. 

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